Burg 19 – das neue NS-Hausprojekt in Kahla

Kauf & Aufbau eines Neonazi-Rückzugsraumes

bild_burgfrontDie Burg 19 bzw. Jenaische Straße 1 wurde im Februar 2011 als ein gemeinsames Gebäude auf einer Grundstücksauktion für 11.000 Euro von zwei Neonazis ersteigert. In den Folgemonaten wurden unter anderem ortsansässige Rechte aus Kahla bei Instandsetzungsarbeiten und Besuchen in dem Gebäude mit 600m2 Wohn- und Nutzfläche gegenüber der Magarethenkirche beobachtet. Spätestens im Herbst des gleichen Jahres zogen erste Neonazis ein, darunter die 23-jährige Szene-Aktivistin Lisa B. aus dem Rheinland sowie der bereits zu fünf Jahren Haft verurteilte Molotov-Cocktailwerfer Sebastian Dahl aus Brandenburg. Im Frühjahr 2012 wurde das Haus mit einer Kleinen Anfrage auch Thema im Thüringer Landtag. Im März 2012 stürmte die Polizei das Gebäude und durchsuchte die Wohnung der jungen Frau, weil sie verdächtigt wurde, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein. Die Landesregierung erklärte später, dass das Gebäude von „ zwei der rechtsextremistischen Szene zuzurechnenden Personen“ ersteigert worden sei, jedoch für diese Personen eine Auflassungsvormerkung eingetragen wäre und die Personen noch keine Eigentümer seien. Ferner berichtete sie, dass Erkenntnisse über Bestrebungen, das Haus zum Neonazi-Treff auszubauen, bislang nicht vorliegen. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch schon einiges im Gange, denn auch der Betreiber eines Jenaer Neonazi-Treffpunktes wohnte zwischenzeitlich in der „Burg 19“. Sein so genanntes „Braunes Haus“ in Jena galt seit 2002 bereits als Schulungs- und Treffpunkt der Thüringer Neonaziszene in Jena-Altlobeda. Seither folgten dort viele Veranstaltungen für die Szene, Neonazis-Bands probten im Inneren und die NPD hatte dort lange Zeit ihre Zentrale. Mehrfach kam es auch zu gewalttätigen Attacken aus dem Haus heraus. Im Jahr 2009 wurde die Nutzung der Jenaer Immobilie baupolizeilich verboten. Die Szene wich in Teilen auf das angrenzende Gartengelände aus. Andere Aktivitäten wurden jedoch nach Kahla verlegt.

Normannia-Mitglieder mit Kranz bei Neonazi-Aufmarsch

Normannia-Mitglieder mit Kranz bei Neonazi-Aufmarsch


Verbindung zu rechten Burschenschaftern

Bis zur Nutzungsuntersagung 2009 war das „Braune Haus“ in Jena auch ein Treffpunkt für rechte Burschenschafter. Die „Burschenschaft Normannia Jena“ mit knapp 30 Mitgliedern, darunter auch NPD-Anhänger und Neonazis, nutzten das Gebäude für Veranstaltungen und Treffen, bis sie wegen der Schließung erneut ausweichen mussten. Bereits 2011 gab es Hinweise auf Normannia-Aktivitäten in Kahla. Ein Jahr später berichteten Anwohner_innen auch über das Ein- und Ausgehen von Burschenschaftern in der Burg 19, darunter auch Angehörige der „Burschenschaft Normannia“. Einer der zwei Nazis, die das Haus in Kahla ersteigerten, ist selbst Mitglied in der „Burschenschaft Normannia“ und war dort zeitweise als „Fechtwart“ auch Funktionsträger der Verbindung. In der Gruppierung sammelten sich Republikaner, NPD-Aktivisten, rechte Akademiker und Neonazis. Im März 2013 fand in der Burg 19 eine Mensur, der traditionelle Fechtkampf zwischen Anhängern von zwei Burschenschaften, statt. Ein weiterer bekannter Anhänger der Normannia aus Jena, Ralf Oe. soll in Umbauplänen bei der Burg 19 in Kahla involviert sein.

Verantwortlicher für Immobiliendeal: Rick Wedow – derzeitiger NPD-Vorsitzender in Jena

Einer der Normannia-Burschenschafter, welcher gleichzeitig führend innerhalb der Neonazi-Szene tätig ist, ist der 34-Jährige Rick Wedow aus Jena. Wedow war schon zu Zeiten des „Thüringer Heimatschutzes“ in der Szene aktiv und bereits um die Jahrtausendwende herum Mitglied im NPD-Kreisvorstand. Er gehört zum Umfeld der Kameradschaft „Nationaler Widerstand Jena“ und ist seit dem Rückzug von Ralf Wohlleben 2010 aus der Funktion des NPD-Kreisvorsitzenden an dessen Stelle getreten. Zuvor arbeitete er zeitweise eng mit Wohlleben zusammen und meldete auch Versammlungen mit ihm an. In einem Klageverfahren der NPD gegen einen Aussteiger vor dem Landgericht Gera tritt Wedow als Kläger für die NPD Jena auf, lässt sich jedoch durch eine Szene-Anwältin vor Gericht vertreten. Noch 2005 war er in einem Emailverteilerkreis des ehemaligen „Thüringer Heimatschutz“ Mitglied. 2007 fuhr er als Deligierter des Jenaer Verbandes zum NPD-Landesparteitag in Thüringen. Im Frühjahr 2011 ersteigerte er mit einem weiteren Neonazi die „Burg 19 bzw. Jenaische Straße 1“ bei einer Immobilienmesse in Leipzig, während bereits eine der vier Wohnungen vermietet war. Im gleichen Jahr hatte Wedow auch einen Onlineshop auf die Adresse „Burg 19“ in Kahla registriert, der sich sowohl als „Andere Bücher“ als auch „Leuchtenburgversand“ bezeichnete.

Ausschnitt der Original-Gebäudeannonce zum Objekt
Ausschnitt der Original-Gebäudeannonce zum Objekt


Umschlagplatz für den Rassenwahn: Vertrieb von NSDAP-Literatur

Auch ein weiteres Unternehmen weist die „Burg 19“ in Kahla als Sitz bzw. Kontaktadresse aus. Ein ähnlich lautender „Leuchtenburg Verlag“ wird vom Haus aus durch einen Steven F. betrieben. Im Angebot seines Onlineshops befinden sich zahlreiche Bücher verschiedener Genres, darunter auch Titel wie: „100 Hitler Anekdoten“, „Grundriss der Rassenkunde von 1934“, „Der braune Reiter“, „Der Reichsarbeitsdienst – Männer und Maiden“, „Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht“, „Rudolf Hess – Der letzte von Spandau“, „Sieg Heil! Eine deutsche Bildgeschichte von Bismarck zu Hitler“ oder „Panzerjäger brechen durch! – Erlebnisse einer Kompanie im Großdeutschen Freiheitskrieg 1939/1940“ vom Zentralverlag der NSDAP. In wiefern zwischen beiden namensähnlichen Projekten ein Zusammenhang besteht ist zur Zeit noch nicht erkennbar.

Die Achse Süd-West-Deutschland

Interessant ist jedoch ein weiteres Detail: Zusammen mit dem Burg-Ersteigerer Wedow saß bereits im Jahr 2000 eine Nicole Schäfer im NPD-Kreisvorstand, die ihren Nachnamen später in Schneiders änderte und heute in Karlsruhe eine Rechtsanwaltskanzlei betreibt. Ebenso Anfang der 2000er Jahre wurde der Antifaschistischen Initiative Heidelberg eine Telefonliste mit Nummern aus der Burschenschafter- und Neonazi-Szene zu gespielt. Neben den Nummern von Wedow und Schneiders (damals Schäfer) war dort auch die Nummer von Ralf Wohlleben notiert, der im November 2011 wegen mehrfacher Beihilfe bei den NSU-Morden inhaftiert wurde. Ein weiterer Eintrag trägt die Bemerkung „Dönerbomber, NPD“, die Nummer gehörte dem heutigen NPD-Landeschef von Thüringen, Patrick Wieschke. Er musste wegen eines fremdenfeindlichen Anschlages auf einen Dönerimbiss in Eisenach eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen.

Telefonliste von Martin S. (Anfang der 2000er Jahre) / Kameradschafts Karlsruhe

Telefonliste von Martin S. (Anfang der 2000er Jahre) / Kameradschafts Karlsruhe

Wem die Liste von damals gehörte? Dem zweiten Neonazi, der für die Ersteigerung der „Burg 19“ in Kahla mitverantwortlich war: Martin S., Führungsmitglied einer der ältesten „freien Kameradschaften“ in der Bundesrepublik, der „Kameradschaft Karlsruhe“. 2004 wurde S. zunächst mit zwei Mittätern vom Landgericht Karlsruhe zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie den Slogan „Ruhm und Ehre der Waffen-SS“ sowohl für eine Bandansage des „Nationalen Infotelefon Karlsruhe“ als auch im Internet verwendeten. Verteidigt wurde die Karlsruher Führungsgruppe vom Anwaltsduo „Heinig und Hammer“, welche zuvor in Neonazi-Bands aktiv waren. Die Musik eine dieser Bands, „Noie Werte“, verwendete der „NSU“ zur Untermalung seiner Bekennervideos, die nach dem Auffliegen im November 2011 bekannt wurden. Bis ins Jahr 2012 betrieben die beiden Anwälte mit Nicole Schneiders aus Karlsruhe zusammen eine der wichtigsten rechten Anwaltsgemeinschaften in Südwestdeutschland. Fünf Jahre zuvor wurde bereits das interne Forum der Neonazi-Gruppe „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ gehackt, in dem auch Schneiders einen Zugang hatte und in mehreren Zusammenhängen wieder auftauchte. Darin findet sich auch eine interne Nachricht an den Betreiber der rechten Vernetzungsplattform wieder, der ebenso führendes Mitglied der Szene in Rhein-Neckar ist und Konzerte organisiert. Sie stellt den Kontakt zu Martin S. her und bezeichnet den späteren Burg 19-Mitersteigerer als einen „einen sehr guten Freund und Kamerad von mir“, er sei ein „politisch brauchbarer Mann“. Heute arbeitet Schneiders noch immer als Anwältin und vertritt am Münchener Oberlandesgericht einen guten Bekannten: Ihren „Kameraden“ Ralf Wohlleben, der als mutmaßlicher NSU-Unterstützer im Prozess neben Beate Zschäpe angeklagt ist.

Razzia 2013: Polizisten drangen durch ein eingeschlagenes Fenster über das 1.OG ins Gebäude

Razzia 2013: Polizisten drangen durch ein eingeschlagenes Fenster über das 1.OG ins Gebäude ein


Neuerliche Razzia im Frühjahr 2013 – Waffensuche in der Burg

Das 1993 teilsanierte Gebäude in „Burg 19“ wurde im März 2013 ein weiteres mal von Spezialkräften der Polizei durchsucht – nach einer Schusswaffe wurde gefahndet. Am 20. März kletterten gegen 6:30 Spezialkräfte der Polizei über eine mitgebrachte Leiter auf die Höhe der 1. Etage des Hauses und schlugen eine Scheibe ein, um eindringen zu können. Im Anschluss wurden dann Räumlichkeiten nach der Waffe durchsucht. Da der beschuldigte Neonazi jedoch nicht anwesend war, sondern sich in einer weiteren Wohnung in Mecklenburg-Vorpommern aufhielt, wurde beim Amtsgericht Gera ein zusätzlicher Durchsuchungsbeschluss für das Objekt im Raum Schwerin beantragt. Dort fanden dann LKA-Beamte die gesuchte Waffe, die durch die neugegründete Thüringer Sondereinheit „ZESAR“ aufgespürt wurde: ein illegaler Wehrmachtskarabiner von Typ K98. Auf einer anberaumten Pressekonferenz hieß es zunächst, dass die beiden Täter aus der Neonazi-Szene nicht in „irgendeiner Art von Struktur eingebunden“ seien. Einige Tage später erschien jedoch ein ausführlicher Bericht des Betroffenen zuerst auf dem rechten Internetportal „Mupinfo“ aus McPom und dann beim „Freien Netz Jena“. „Mupinfo“ wird vom mecklenburger NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit betrieben, der auch das neonazistische Szenemagazin „Weißer Wolf“ mitherausgeben hat. In ihm fand sich 2002, neun Jahre vor dem Aufliegend des „NSU“ die erste namentliche Erwähnung des mörderischen „Nationalsozialistischen Untergrundes“. „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen […] Der Kampf geht weiter…“ lauteten damals die Dankesworte im „Weißen Wolf“ für die gespendeten 2.500 Euro, die vom NSU-Trio stammten. Wer in dem Objekt wohnt? Zum Beispiel die beiden Personen hier rechts auf dem Sommercamp einer Neonazi-Partei in Schweden: bild_dahlbauer2


Sebastian Dahl, Kahla/Berlin

Der 31-Jährige aus Berlin-Brandenburg wohnt seit Ende 2011 in der Burg 19 mit seiner Lebensgefährtin Lisa Bauer. Dahl gehört seit vielen Jahren zu den Aktiven der Neonazi-Szene im Berliner Raum und erlangte durch einen Brandanschlag vor zehn Jahren Bekanntheit, bei dem die Bühne eines antirassistischen Festivals mit Molotov-Cocktails attackiert wurde, während dort Menschen schliefen. Auch andere Angriffe wie ein Brandanschlag auf ein Roma-Camp werden ihm zugerechnet. Zwischen 2005 und 2010 verbüßte er in der JVA Tegel eine Haftstrafe wegen versuchten gemeinschaftlichen Mordes. Nach der Freilassung engagierte sich der gelernte Raumausstatter, der zeitweise NPD-Mitglied war, wieder aktiv in der Szene und begann damit, erneut Neonazi-Gegner auszuspähen. Dahl unterhält bundesweite Verbindungen zur extrem rechten Szene in Deutschland. Aber auch darüber hinaus, z.B. zur schwedischen Neonazi-Partei „Svenskarnas parti“, deren Sommercamp mit Kriegsspiel-Abenteuern er zusammen mit einer Freundin Lisa Bauer besuchte. bild_dahlNach seiner Haftentlassung drehte er ein Solidaritätsvideo mit antisemitischen Anspielungen für die militante russische Neonazi-Gruppe, die im April 2010 verboten wurde. Der Chef der Gruppe, an den Dahl mit Durchhalteparolen appellierte, hatte zuvor gegenüber der Nachrichtenagentur AP geäußert, dass das Verbot seiner Gruppe zu einer Zunahme der Gewalt führen werde, seine Anhänger würden “Autos anzünden, Kraftwerke sprengen, Beamte ermorden und andere Verbrechen begehen“. Im selben Jahr, wie Dahl seine Haftstrafe antrat, soll sein russischer Freund und Neonazi-Anführer in Moskau einen Sprengstoffanschlag auf eine Moschee verübt haben. Am 14. Mai 2011 mobilisierte die rechte Szene zu einer Demonstration nach Berlin unter dem Motto “Wahrheit macht frei – Für die Erfassung der Nationalität bei Straftätern”. Aus dieser heraus wurden Gegendemonstrant_innen und Migrant_innen u.a. durch Thüringer Neonazis angegriffen. Mit im Aufmarsch: der heute in Kahla lebende Sebastian Dahl.

Lisa Bauer, Kahla/Rheinland

bild_lisabDie 23-jährige kommt aus dem Rheinland und hat 2009 ihr Abitur im dortigen Bad Neuenahr abgeschlossen, wo sie bereits seit einigen Jahren in der Neonazi-Szene aktiv war. Im Ort unterhielt die militante Kameradschaftsstruktur „Aktionsbüros Mittelrhein“ ihre Schaltzentrale mit eigenem Haus, zu deren Umfeld auch Bauer gehörte. Im März 2012 ging die Polizei gegen die Gruppe vor, der auch Überfalle, Brandstiftungen und schwere Landfriedensbrüche vorgeworfen wurden, zum Beispiel der Angriff auf eines alternatives Kulturprojekt am Rande einer Neonazi-Demonstration in Dresden. Bauer war eine von knapp 30 Personen der AB Mittelrhein-Gruppe, gegen die nach §129 StGB ermittelt wurde, ein entsprechender Prozess läuft seit August 2012 vor dem Landgericht Koblenz. Seit sie in Jena 2009 mit dem Volkskunde Studium begann und zeitweilig auch in Jena wohnte ist sie in hiesigen Neonazi-Strukturen wie beim „Freien Netz Jena“ aktiv. Für die Gruppe sammelte sie wenige Monate später bereits bei einem Neonazi-Festival in Sangerhausen Spenden. Zusammen mit ihrem Freund Sebastian Dahl war sie im Mai 2011 an der Berliner Neonazi-Demonstration beteiligt, aus der heraus es zu mehreren körperlichen Angriffen kam.

Bauer bei Neonazi-Aufmarsch, links im Bild

Bauer bei Neonazi-Aufmarsch, links im Bild

Während einer anderen Razzia gegen einen weiteren (nichtanwesenden) Bewohner der Burg 19 im März 2013 warnte Bauer noch kurz vor 7 Uhr morgens über ein soziales Netzwerk einen „Kameraden“, dass die Polizei die Durchsuchung wegen illegalen Waffenbesitzes beendet habe, aber noch mit einem Haftbefehl nach einem Verdächtigen weiter fahnde. Die betroffene Person, mit der Bauer kommunzierte, verfügt über Verbindung in die Burschenschaft Normannia, zum FN Kahla und in die norddeutsche Neonaziszene, insbesondere zur Kameradschaft Schwerin und produzierte im Vorfeld des Thüringentages in Kahla spezielle T-Shirts zur Veranstaltung für örtliche Szeneangehörige.

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