Extremismus in der Mitte-

Mitte gut, alles Gut? – Extremismustheorie und Extremismus der Mitte

Sinn der nachfolgenden Texte ist natürlich primär die Aufklärung über lokale Nazistrukturen und ihre Kader. Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass z.B. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie als alleinige Probleme einiger weniger Neonazis verstanden und völlig losgelöst von gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachtet werden.

Doch genau diesen Eindruck soll uns die sogenannte Extremismustheorie vermitteln. Bereits seit dem kalten Krieg wird der Extremismus, als reiner ideologischer Kampfbegriff, in Stellung gebracht, um die Grenzen gesellschaftlicher Normalität abzustecken und Abweichungen links und rechts der Norm zu denunzieren. In den Sozialwissenschaften ist diese Sichtweise auf die Gesellschaft mehr als umstritten und der sogenannte „Linksextremismus“ wird dabei vielfach nicht einmal als eigener Forschungsgegenstand anerkannt. Dennoch beharren die Vertreter*innen der Extremismustheorie, sowie ihre Förderer, von Verfassungsschutz bis Konrad-Adenauer-Stifung, auf der Richtigkeit ihrer Annahmen. Dabei wird der sogenannten gesellschaftlichen Mitte jede Verantwortung für z.B. rassistische Diskriminierung und Gewalt abgesprochen. Diese Taten werden dann zumeist als Werk einzelner Rechtsextremist*innen dargestellt, die völlig losgelöst von gesellschaftlichen Zusammenhängen agieren. Exemplarisch dafür sind die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. Dort waren es zwar rassistisch motivierte Neonazis, die Brandsätze auf ein Asylbewerber*innen-Heim warfen, geschehen ist dies aber unter den Augen, unter dem Schutz und mit dem Applaus eines großen Mobs von „normalen“ Bürger*innen. Die Brandanschläge drückten also die Ansicht nicht unwesentlicher Bestandteile der Bevölkerung aus, dass „Ausländer“ in der BRD nichts zu suchen hätten.

Die Extremismustheorie nützt immer nur denen, die auch definieren, was die gesellschaftliche Norm ist, von der aus die Extremist*innen abweichen. Somit wird aus angeblicher wissenschaftlicher Forschung vielmehr ein Herrschaftsinstrument, welches definieren kann, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt und wonach sich alle Bürger*innen zu richten haben, um nicht als Abweichler von der Norm gebrandmarkt zu werden. Kein Wunder, dass Probleme immer nur von Rechts oder Links kommen, aber niemals aus der Mitte.

Doch selbst der Thüringen Monitor, eine wissenschaftliche Erhebung zur politischen Einstellung der Thüringer Bürger*innen, seit dem Jahr 2000 von der Thüringer Landesregierung in Auftrag gegeben, zeigt jedes Jahr aufs Neue: das Problem sind nicht einzelne Rechtsextremist*innen, sondern verbreitete rechtsextreme Ansichten in weiten Teilen der Bevölkerung. 2011 gaben mehr als die Hälfte der befragten Menschen an “Deutschland für in einem gefährlichen Maße überfremdet” zu halten. 63 Prozent der Befragten fordern ein hartes Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland. Der Nationalsozialismus wird zunehmend verharmlost – für 19 Prozent hatte er auch ’seine guten Seiten‘ – und auch der Antisemitismus findet größere Verbreitung. Sieht man sich die Wahlergebnisse an, wird klar, dass nicht alle diese Menschen im direkten Umfeld als extremistisch geltender Parteien zu verorten sind. Wir können davon ausgehen, dass viele der Befragten Parteien die „gute demokratische Mitte“ wählen. Damit finden nationalistische, rassistische und viele andere „unschöne“ Ansichten ihren Weg in gesellschaftliche Diskurse und politische Entscheidungen. Genau wie nach den Pogromen Anfang der 90er Jahre die Reaktion der Politik die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl war.

Die von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung finanzierte Studie „Ein Blick in die Mitte“ fand „keine Bevölkerungsgruppe oder Region, in der nicht Bestandteile rechtsextremen Denkens geäußert wurden.“ und kommt damit zu dem Schluss, „dass der Begriff Rechtsextremismus irreführend ist, weil er das Problem als ein Randphänomen beschreibt. Vielmehr handelt es sich bei Rechtsextremismus um ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft.“

Neonazis und ihre Ungleichheitsideologien treffen hier nur auf noch fruchtbareren Boden, sie finden Rückhalt und Unterstützung, zumindest im ideologischen Bereich.

Allein Nazis „doof“ finden, ist also noch lange kein Zeichen dafür, nicht auch rassistische, nationalistische, antisemitische, sozialchauvinistische oder homophobe Einstellungen zu vertreten.

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