Neonazis-Szene Kahla – eine Bestandsaufnahme

Neonazis-Szene in Kahla – eine Bestandsaufnahme

Öfter Ziel von rechten Sprayern: Bahnhof Kahla

Öfter Ziel von rechten Sprayern: Bahnhof Kahla

Wer in den letzten Jahren auch nur halbwegs aufmerksam durch Kahla lief, dem blieb eines nicht verborgen: In beinahe jedem Straßenzug befinden sich rechte Parolen, entsprechende Aufkleber an Laternen oder Sprühereien durch Schablonen. „Kahla bleibt deutsch“, „Für nationalen Sozialismus“ und „Volkstod stoppen“ sind einige ihrer Losungen. Verantwortlich hierfür sind junge Neonazis, die vor allem seit dem Jahr 2008/2009 zunehmend aktionistisch auftreten und beabsichtigen, mit ihrer Propaganda eine rechte Hegemonie zu zementieren. Gerade historische Daten finden bei der Kahlaer Szene großen Zuspruch für die regelmäßige Durchführung von konzentrierten Propaganda-Aktionen. Jeweils zum 13. Februar verbreitet die Szene geschichtsrevisionistische Aufkleber, Plakate und Graffitis anlässlich dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens. Zum 20. April wird sich oft in Kahla zu Hitlergeburtstagsfeiern in großer Runde getroffen und am 17. August wird das Gesicht von Hitlerstellvertreter Rudolf Hess anlässlich dessen Todestag in Kahla mit entsprechenden Slogans verbreitet. Unabhängig davon tauchten zuletzt auch andere neonazistisch motivierte Graffitis ganzjährig in Kahla auf, darunter besonders häufig auch der Schriftzug „FN Kahla“.

Neonazi-Struktur „Freies Netz“ und die Verbindung Jena/Kahla

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FN steht dabei für „Freies Netz“, eine Neonazi-Vernetzung die ca. 2007 im mitteldeutschen Raum entstand, mit Schwerpunkten in Sachsen und Altenburg. Ein bis zwei Jahre später kamen weitere Gruppen aus Thüringen zur Struktur hinzu,vor allem jene Städte, in denen einst der „Thüringer Heimatschutz“ seine aktiven Ableger hatte: Jena, Saalfeld und Kahla. Das „FN“ bildete sich parallel zur NPD, als parteifreie Alternative. Tatsächlich war die Struktur vor allem in Sachsen aber sehr gut an die Partei angebunden. Zm einen wurden NPD-Politiker in die leitende Ebene aufgenommen und zum anderen war das FN bemüht, bei der NPD Gelder und sachwerte Spenden abzugreifen, wie gehackte Daten aus dem internen Koordinierungsforum offenbarten. Hinter dem dynamischen Netzwerk standen und stehen vor allem Neonazis, die es mit der neuen Organisierungsform auch vielfach schafften, binnen kurzer Zeit eine große Anhängerschaft für eigene Aktionen oder Versammlungen zu mobilisieren. In Thüringen sprossen vereinzelt neue Gruppen aus dem Boden, zum Teil wurden auch bestehende Strukturen der „Freien Kameradschaften“ einfach zu „FN“ umbenannt und in den Verbund eingegliedert. Die Mitgliederzahl variierte dabei regional unterschiedlich zwischen durchschnittlich 5 bis 20 Personen. Andere Aktionsformen, Änderungen bei Kleidung und Habitus, z.B. als „Autonome Nationalisten“, stießen gerade bei den „FN“-Aktivisten auf Anklang und beförderten in den letzten Jahren eine Modernisierung der neofaschistischen Jugendkultur. Zu den aktivsten FN-Gruppierungen in Thüringen zählen derzeit das „Freie Netz“ Jena und Kahla, welche auch mit einer Internetseite bzw. einem Twitterkanal erreichbar sind. In den letzten Jahren fand innerhalb der Gruppen ein struktureller Wandel statt. Zwischenzeitlich sind beide noch enger miteinander zusammengewachsen, sowohl in der personellen Besetzung als auch bei miteinander verknüpften Aktivitäten. Mit der Schließung des „Braunen Haus“ 2009 in Jena sind einige „FN Jena“ Aktivisten auch räumlich nach Kahla weitergezogen. Zum Teil tauchten rechte Graffitis und Aufkleber mit beiden Namen auf. Auch gab es Bekenntnisse beider Gruppen zu gleichen Aktionen und Veranstaltungen wurden wechselseitig organisiert.

Neonazis aus Kahla und Jena werben mit Transparent für rechten Aufmarsch in Niedersachsen

Neonazis aus Kahla und Jena posieren mit Transparent für rechten Aufmarsch in Niedersachsen

In der Vergangenheit gehörten neben der Organisation von Vorträgen, Musikveranstaltungen, Sonnenwendfeiern und anderen Festen des „germanischen Brauchtums“ auch die Durchführung gemeinsamer Reisen (z.B. zu Neonazi-Aufmärschen) zum Aktionsradius des FN Jena. Neben gewalttätigen Übergriffen wurde auch zu Spendenaktionen mobilisiert, beispielsweise für den Erhalt des Braunen Hauses in Jena. Ebenso gehörten mehrfach Flyeraktionen dazu. Über das Internet wird die Verbreitung der Ideologie dann mit verschiedenen nationalistisch und rassistisch gefärbten Texten fortgesetzt.

„Freies Netz Kahla“ und andere aktive Rechte in der Kleinstadt

bild_graffiti0Im Rahmen des mitteldeutschen „Freies Netz“-Verbundes fanden in der Vergangenheit interne Koordinierungstreffen statt, z.B. in Leipzig. Dabei nahmen vereinzelt auch Vertreter aus Kahla für die FN-Strukturen in Thüringen teil. Zum „Freien Netz“ Kahla gehören federführend der 23-jährige David Buresch und der 22-jährige Patrick N., sowie der 24-Jährige Nico Metze alias „Schubi“, auf die eine Vielzahl von Aktivitäten zurückzuführen ist. Weiterhin ist in dem Umfeld auch der Neonazi Manfred K. tätig sowie die aus dem hessischen Butzbach stammende Neonazi-Aktivistin Lina T. aktiv. Auch der Jenaer Liedermacher und Neonazi Tobias Winter, der Jenaer FN-Aktivist und Burschenschafter Nico Schneider und der Besitzer des „Braunen Hauses Jena“ und Szenemusiker Maximilian Lemke haben sich in Kahla niedergelassen und sind dort neonazistisch tätig geworden. Will man das neonazistische Potential in Kahla weiter erfassen, so sind hier ebenso mehrere der Bewohner und Szeneaktivisten aus dem Objekt „Burg 19“ wie beispielsweise Sebastian Dahl und Lisa Bauer zu nennen. Zusätzlich sind die Identitäten weiterer 20 Neonazis aus Kahla bekannt, die in unterschiedlicher Ausprägung aktiv werden und von denen sich einige nur sporadisch für die Teilnahme an Aktionen mobilisieren lassen.

Enrico S.

Enrico S.

Auch aus der älteren Generation der rechten Szene Kahlas treten nach wie vor Protagonisten in Erscheinung, z.B. Mario K. und Mario M., Marcel B., aber auch das Urgestein Enrico S., der schon zu Zeiten der Gruppe „Hatebrothers“ in Kahla Mitte/Ende der 90er Jahre aktiv war. Anfang 2013 wurde er vom MDR zu den Taten des NSU interviewt. Vor laufender Kamera lies er durchblicken, dass er den neonazistischen Morden nicht grundsätzlich abgeneigt sei und gab noch einen handwerklichen Ratschlag an die Rechtsterroristen: „Ich hätte es ja ganz anders angefangen. Sinn hätte es gemacht Leute in der Regierung zu erschießen“.

Schlagstöcke und zerstörte Scheiben – Gewalt in Kahla zur Durchsetzung der rechten Ideologie

Zur Personenübersicht hier klicken

Zur Personenübersicht der rechten Szene Kahlas hier klicken

Waffen, Gewalt und Einschüchterung waren seit jeher ein Steckenpferd der Naziszene in Kahla. Auch die jüngere Generation um David Buresch & FN Kahla hat ein Faible dafür. Beispiele? Im Dezember 2008 wurden die Scheiben einer Jugendeinrichtung in Kahla eingeworfen, aufgehangene Plakate des Konzertes „Rock gegen Rechts“ zerstört und der Briefkasten gesprengt, weil der Klub sich entsprechend gegen rechts engagierte. Monate danach flogen weitere Male die Scheiben ein, als dort Plakate hingen, die der Naziideologie zuwiderliefen. Jugendliche vor Ort wurden mehrfach bedroht und beschimpft. Im gleichen Jahr wurde auch der Verein „Täglich Brot Insel“ attackiert, Fenster und Autoscheiben zerstört, weil dieser sich für sozial schwache Menschen engagiert und gegen Neonazis Farbe bekennt. In der selben Nacht wurde das Büro der Partei Die Linke angegriffen. 2010 folgten u.a. Angriffe auf einen vietnamesischen Gemüsehändler, auch hier wurden mehr als einmal die Scheiben eingeworfen. Jugendliche vor Ort, die sich gegen Neonazis positionierten oder die von der rechten Szene als solche eingeschätzt wurden, wurden zur Zielscheibe: Im Juni 2010 wurde das Auto eines vermeintlichen Antifaschisten massiv attackiert, mit schwarzer Farbe übermalt und mit rechten Parolen versehen. Einige Wochen später wurde ein Jugendlicher auf seinem Heimweg von der Arbeit von mehreren FN-Mitgliedern angegriffen. Sie attackierten ihn mit Glasflaschen, traten ihn vom Fahrrad und entwendeten es dann. Zuvor hatte es immer wieder persönliche und anonyme Drohungen gegeben. Weitere Übergriffe u.a. mit Ansprache auf der Straße und anschließender Attacke durch Pfefferspray folgten. Auch Migrant_innen wurden mehrfach in Kahla attackiert und bedroht. Im Jenaer Campusradio berichtete 2011 eine dunkelhäutige Studentin über rassistische Bedrohungen in Kahla. „Die Gastfreundschaft sei beendet“, man wolle keinen „Negerabschaum“ schlug ihr beispielsweise von Jugendlichen auf dem Stadtfest entgegen. Mehrere eingeworfene Scheiben und gesprengte Briefkästen wurden in den letzten Jahren verzeichnet, doch der Grad an Gewaltbereitschaft erfuhr eine weitere Steigerung. Einige Mitglieder des „FN Kahla“ agierten in der Vergangenheit einerseits in größeren Gruppen gewalttätig, z.B. beteiligten sich Kahlaer FN-Aktivisten an Übergriffen im Zusammenhang mit Demonstrationen, so u.a. bei dem Überfall 2009 auf die 1. Mai Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Dortmund. Dort attackierten mehrere Hundert Neonazis die Versammlungsteilnehmer mit Flaschen, Steinen und Holzlatten. FN Aktivisten aus Kahla waren u.a. bei den Übergriffen im Jenaer Paradiespark 2009 auf linke Jugendliche beteiligt: Am Karfreitag hatten sich zu einem solchen Überfall rund 40 Neonazis aus Kahla, Orlamünde und anderen Orten im Paradiespark zusammengerottet. Vier Neonazis zogen bei dem Überfall auch Messer. Bei der Werkstatt-Woche der JG-Stadtmitte Jena marschierten 2010 rund fünfzehn Neonazis in die Johannisstraße. Vermummt, mit Flaschen und mit mindestens einem Teleskop-Schlagstock bewaffnet, der auch zum Einsatz kam. Mehrere Personen wurden verletzt. Einer der Angreifer: David Buresch vom FN Kahla.

Steigerung der Militanz: Vorbereitung von Anschlägen durch das „FN Kahla“

Eindeutige Werbung: NS-Propaganda des FN Kahla

Eindeutige Werbung: NS-Propaganda des FN Kahla

Im Sommer 2010 wuchs der Grad an Gewalttätigkeit noch um eine weitere Stufe. Nach dem die Nazis der beiden FN-Gruppen seit dem Vorjahr räumlich auch in den Regionen Saalfeld und Pößneck aktiv wurden und dort ebenso wie in Jena auf Widerstand stießen. In Pößneck waren Kahlaer Aktivisten u.a. im zeitweiligen Neonazi-Zentrum „Schützenhaus Pößneck“ aktiv und an dessen Ausbau mitbeteiligt. Auch zur Gruppierung „Freies Netz Saalfeld“ bestanden gute Verbindungen. Neben Angriffen auf Scheiben mittels Steinen bereiteten die Kahlaer Aktivisten offensichtlich auch Anschläge anderer Art vor. Am 15. Juli fuhren die FN-Mitglieder David Buresch, Nico Metze und Lina T. zusammen nach Saalfeld, um dort möglicherweise den Bus eines als links eingeschätzen Saalfelder Busunternehmers mit einem Brandanschlag zu beschädigen oder zu zerstören. Das Fahrzeug wurde auch öfters von der linken Landtagsabgeordneten Katharina König und ihrem Wahlkreisbüro genutzt wurde. Die Polizei konnte die Gruppe kurz vor der Tatbegehung stoppen und fand in ihren Rucksäcken Sturmhauben, Spiritus und ein Kilogramm Brandgel. Unmittelbar zuvor hatten die Neonazis zeitgleich ihre Handys ausgeschaltet, vermutlich in der Hoffnung, dass sie mit den Positionsdaten bei einer späteren Abfrage nicht am Tatort lokalisierbar wären. Thüringer Ermittler gründeten daraufhin eine Sonderkommission „Feuerball“ und nahmen die Personen mit Observationen und Abhöraktionen ins Visier.

Neonazis in Kahla glorifizieren nicht nur NS-Funktionäre, wie hier mit Graffitis, sie versuchen die Ideologie der NS-Gewaltherrschaft auch "im Kleinen"  weiter auszuleben

Neonazis in Kahla glorifizieren nicht nur NS-Funktionäre, wie hier mit Graffitis, sie versuchen die Ideologie der NS-Gewaltherrschaft auch „im Kleinen“ weiter auszuleben

Am 6. Oktober reisten mehrere Angehörige vom FN Kahla, darunter David Buresch, Nico Metze und Nico Schneider zusammen mit dem langjährigen Jenaer Neonazi Andre Kapke nach Sachsen, um dort an einem Vortrag des „Freien Netzes“ mit dem ehemals in Kahla ansässigen Wehrsportgründer Karl Heinz Hoffmann teilzunehmen. Dieser berichtete vor ca. 100 Zuhörern aus der Szene über die militante rechte Wehrsportgruppe, die er einst anführte. Auf der Rückfahrt hatten sich die Thüringer Neonazis im Auto schließlich am Telefon über die Beschaffung bzw. den Transport von C4-Plastiksprengstoff sowie Bauanleitungen für Sprengsätze unterhalten. Noch während eine Echtzeit-Telefonüberwachung wegen des versuchten Brandanschlages auf mehrere Anschlüsse geschalten war. Die Ermittler reagierten schnell und zogen Einheiten für einen Zugriff in Kahla zusammen, nahmen in der Stadt und Umgebung noch am selben Abend die Besatzung fest. In der Nacht folgten mehrere Hausdurchsuchungen. Sprengstoff wurde aber keiner gefunden. Allerdings schlug der Sprengstoffsuchhund am Auto der Gruppe an, welches deswegen abtransportiert und von Spezialisten untersucht wurde. Auch Karl-Heinz Hoffmann bekam einige Wochen später Besuch von der Polizei. Beamte des Staatsschutzes durchsuchten 15 Wohnungen in dem Zusammenhang in Thüringen und Sachsen nach möglichen Spuren. Darunter auch das Anwesen von Hoffmann, da der Verdacht im Raum stand, dass dieser die Kahlaer Neonazis möglicherweise mit Sprengstoff versorgt habe. Die Abgehörten behaupteten später, es habe sich nur um eine scherzhafte Mitteilung gehandelt. Ihr Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung, der Saalfelder Neonazi Steffen Richter, geriet jedoch einige Zeit später noch stärker in den Fokus der Ermittler und wurde in einem anderen Verfahren wegen einer angeblichen Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ verhaftet.

Braune Balladen, Anti-Antifa und Fussball

Kahla/Töpferstraße: Sommer 2012 Fussball mit mehreren Dutzend Neonazis

Kahla/Töpferstraße: Sommer 2012 Fussball mit mehreren Dutzend Neonazis

Von den Repressalien unbeirrt setzten die Nazis ihre Aktivitäten in Kahla auch nach den Ermittlungen 2010 weiter fort. Eine Vielzahl weiterer Graffitis sind zwischenzeitlich entstanden. Auch neue Übergriffe fanden seit dem statt und die Stadt wurde mehrfach von rechten Aufklebernwellen überschwemmt. Im Frühjahr 2011 machten Angehörige des FN Kahla durch einen ominösen Kircheneinbruch auf sich aufmerksam. Sie drangen in die Stadtkirche ein, sprühten antisemitische und neonazistische Parolen und Symbole und stahlen eine Bibel und ein Messing-Kreuz, was sie im Internet verkaufen wollten. Neben den üblichen Propagandaaktionen verteilten die Kahlaer Aktivisten am Jahrestag der Bombardierung Dresdens auch Holzkreuze und hissten zum Heß-Todestag Transparente. Sie verteilten Flyer in Einkaufsmärkten, wie immer begleitet von Sprühereien, Plakaten und Aufklebern. An entsprechenden Aufmärschen der Szene, wie beispielsweise in Dresden, nahmen sie partiell teil.

Fussballmannschaft bei Neonazi-Tunier: "1.FC KAHLAschnikov"

Fussballmannschaft bei Neonazi-Tunier: „1.FC KAHLAschnikow“

Im Jahr 2012 stachen vor allem Attacken auf Briefkästen hervor, z.B: auf den Bürgermeisterkandidatin der LINKEN im Kommunalwahlkampf. Später brüsteten sich die Täter über den „FN Kahla“ Twitterkanal damit im Internet. Weitere Besonderheiten bei den neonazistischen Aktivitäten 2012 in Kahla waren vermehrte Stör- und Ausspähaktionen bei Veranstaltungen von der LINKEN, aber auch die Erschleichung eines Zugangs zur Wohnung von einem Kahlaer Stadtratsmitglied unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Am 23. Juni richteten die Nazis vom Freien Netz Jena und Kahla schließlich ein eigenes Fussballtunier aus. Auf dem Gelände des Gasthofs „Reiterstübchen“ in Kahla sollen sich nach Eigenangaben der Szene bis zu 70 Neonazis auch aus Jena, Weimar, Saalfeld und Karlsruhe beteiligt haben. Aufgestaffelt in sieben Mannschaften, darunter auch eine mit Angehörigen des „FN Kahla“ unter dem Titel: “1. FC KAHLAschnikow”, angelehnt an das fast gleichlautende sowjetische Sturmgewehr. Vermehrt tauchten auch antiisraelische und antisemitische Graffitis auf, mit denen sich ein Mitglied des „FN Kahla“ über seinen privaten Twitteraccount bemerkbar machte. Im Herbst 2012 organisierte ein weiterer Neonazi aus Kahla auf dem Gelände des „Braunen Haus“ in Jena eine „Solidaritätsliederabend“, zu dem über Internet und SMS-Verteiler eingeladen wurde. Auftreten sollten u.a. der überregional in der Szene populäre Rechtsrocker Mirko Sz. aus Jena (jetzt Sachsen), der auch auf einer Solidaritäts-CD mitwirkte, mit der für den mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben Spendengelder gesammelt werden sollten. Außerdem die Kahaler Neonazi-Liedermacher Maximilian Lemke und Tobias Winter. Die Veranstaltung am 6. Oktober war als Geburtstagsfeier getarnt und wurde von ca. 80 Personen besucht. Die Polizei sprach nach ihren Maßnahmen zunächst von einer erfolgreichen Verhinderung.

Brauner Barde "Max" aus Kahla bei einem früheren Auftritt

Brauner Barde „Max“ aus Kahla bei einem früheren Auftritt

Von den Sicherheitsbehörden offenbar unbehelligt fand sich jedoch ein Teil der Gäste am selben Abend zu einer Ausweichveranstaltung in einem Privatobjekt in Kahla wieder und feierte dort mit ca. 30 Personen weiter. Anwohner_innen in Kahla berichteten an dem Abend, dass sich besonders viele Szeneangehörige in der Gerberstraße in Kahla vor einer dortigen Kneipe, der Gerberstube, aufgehalten hatten. Das Lokal gehörte früher eimal Karl-Heinz Hoffmann und wird nach einem Besitzerwechsel zwischenzeitlich für Veranstaltungen und Partys frei vermietet. Ob die Veranstaltung dort tatsächlich statt fand, ist nicht bekannt. Hinweise deuten darauf hin, dass die Solidaritätsveranstaltung ebenso Wohlleben galt. Aus einer Teilnehmerliste der rechten Szene geht hervor, dass sowohl engste „Kameraden“ und jahrelange Weggefährten als auch Verwandte von Wohlleben anwesend waren. Am 10. November 2012 veranstalten FN-Angehörige in Kahla einen Vortrag mit ehemaligen Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS. Die ihre Zitat “prägenden Kriegserlebnissen, seien es Häuserkämpfe in Warschau, Panzerschlachten in Russland oder einfach nur der gemütliche Besuch in Frankreich, … aus dem großen Krieg“ mit ihren jungen Zuhörern teilten.

Normalisierung als Strategie

Zu den bisherigen Schwerpunkten 2013 gehörten unter anderem erneute Flugblatt- und Plakataktionen anlässlich der Bombardierung Dresdens und die Störung von Veranstaltungen, z.B. einer Veranstaltung am 13. März im Rathaus für VertreterInnen der Kahlaer Vereinslandschaft im Kahlaer Rathaus. Zwei FN-Vertreter aus Kahla verließen trotz wiederholter Erteilung eines Hausverbautes die Veranstaltung nicht. Im Nachgang wurde am gleichen Tag der Briefkasten des „Täglich Brot Insel“ Vereins gesprengt. Mehrere Tage später wurden auch die Scheiben ein weiteres mal mit dem Ziel, Neonazi-Gegner einzuschüchtern, eingeschlagen. Auch 2012 gab es ähnliche Fälle, zum Beispiel bei einem NSU-Vortrag im Juni mit einer Neonazi-Aktivistin aus dem Objekt Burg 19. Die Vorstellung, ausgeschlossen zu werden, ist für Nazis, deren Ideologie für den kategorischen Ausschluss aller Nicht-Nazis steht, unerträglich. Denn das bedeutet außerhalb einer Gesellschaft zu stehen, die tatsächlich aus der Vergangenheit gelernt hat, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist. Auf dem imaginierten Weg zur Machtergreifung liegt für die Neonazis die pragmatische Wortergreifung im öffentlichen Raum. In der bürgerlichen Gesellschaft besteht die Gefahr der massenhaften Stimmenabgabe zugunsten der Nazis nur dort, wo die gesellschaftliche Mitte mit ihnen kommuniziert.

Geschichtsrevisionistische Schmiererein in der Innenstadt

Geschichtsrevisionistische Schmiererein in der Innenstadt

Immer wieder versuchen Nazis an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen, insbesondere dann, wenn diese gegen sie gerichtet sind. Dabei verfolgen sie im wesentlichen folgende Ziele: Das Verunsichern oder Einschüchtern von Organisatorlnnen und Gästen, systematisches Stören oder inhaltliches Umwidmen der eigentlichen Veranstaltung und das Sammeln von Informationen. Oft geben jene Anhänger vor, nur in Interaktion zu treten zu wollen, bezwecken aber nicht den wechselseitigen Austausch von Argumenten: ihr Ziel ist die heroische Selbstinszenierung und das Vorführen der politischen GegnerInnen. Sie schaffen eine Situation, in der sie die Verteilung der Rollen bestimmen und die jeweiligen Gegenüber, etwa die Veranstalterlnnen- oder Moderatorinnen, werden unvorbereitet zur Rechtfertigung gezwungen. Wird diese Provokation der Nazis nicht erstickt, finden sich die Partner_innen des vermeintlichen Gespräches in der Rolle wieder, unfreiwillig die Wortergreifungsstrategie der Rechten zu verwirklichen, denn durch das Eintreten in den Dialog ist die Blockade der Öffentlichkeit gegenüber der extremen rechten Positionen zumindest für den Moment gefallen und die Naziideologie steht, losgelöst von den tatsächlich thematisierten Inhalten als zu respektierende Meinung zur Debatte und wird im Kalkül der extremen Rechten letztendlich normalisiert.

Die Aufrechterhaltung der Bedrohung vor dem Thüringentag 2013

Rechte Störergruppe beim "Toleranztag" am 16.4.2013 in Kahla

Mitglieder einer rechten Störergruppe beim „Toleranztag“ am 16.4.2013 in Kahla

Zwischen Februar und Mai 2013 wurde erneut engagierte Menschen von Neonazis in Kahla bedroht, stellenweise durch offene Ansprachen auf der Straße oder durch Plakatierung von privaten PKW und Briefkästen, welche teilweise auch abgerissen und entwendet wurden. Ebenso kam es zum erneuten Glasbruch bei Engagierten. Anlässlich des so genannten „Toleranztages“ am 16. April 2013 unternahmen immer wieder Neonazis Versuche auf den Veranstaltungsort (Marktplatz) zu gelangen, um Präsenz zu zeigen und Anwesende einzuschüchtern, darunter auch Mitglieder des „FN Kahla“, des „Braunen Haus Jena“ und vereinzelten Angehörigen der ehemaligen „Hatebrothers Kahla“. Gleichzeitig wurde der Demokratieladen in der Magarethenstraße eröffnet, wozu sich Neonazis bereits angekündigt hatten. In der Nacht zuvor schmierten sie Parolen auf dem Markt und vor dem Laden, darunter „Freiheit für Wolle“ in Anlehnung an den inhaftierten mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben, für den es bereits in den Wochen davor schon diverse Unterstützungsaktionen in Kahla gab. So wurden Transparente gehisst und Solidaritätsschriften verteilt. In der Nacht nach der Eröffnung attackierten zwei Neonazis schließlich den Laden und zerstörten eine Scheibe.

1 Tag nach Eröffnung des Demokratieladens: Eingeworfene Scheibe

1 Tag nach Eröffnung des Demokratieladens

Einer der Täter soll Patrick N. vom „FN Kahla“ gewesen sein. Bei ihm und einem weiteren jungen Neonazi führte die Polizei Durchsuchungen noch am nächsten Tag durch. Dort fanden sie auch das mutmaßliche Tatwerkzeug: eine Steinschleuder. Außerdem noch eine Gotchawaffe, eine Sturmhaube und zahlreiches Propagandamaterial. Auch zu einer Ausstellungseröffnung von MOBIT einige Wochen später im Demokratieladen kündigten Nazis ihr kommen an, erschienen vereinzelt und versuchten mehrfach durch lauten Rechtsrock aus vorbeifahrenden Autos zu stören. Ab April 2013 konzentrierten die Angehörigen vom „FN Kahla“ ihre Aktivitäten zunehmend auch in die Vorbereitung des „Neonazi-Festivals“ Thüringentag der nationalen Jugend, das für den Sommer geplant ist.

Dass die Neonazis-Szene Netzwerke „FN Kahla“, „FN Saalfeld“ und „FN Jena“ nicht nur weiterhin intensiv mit dem inhaftierten Ex-NPD-Chef aus Jena in Kontakt stehen, sondern auch untereinander eng verzahnt sind belegt eine interne Grußbotschaft an „Wolle“ zu dessen 38.Geburtstag im Frühjahr 2013.  Neben Durchhalteparolen haben die Unterstützer Fotos von sich aufgeklebt. Darunter auch die relevantesten Köpfe der rechten Szene aus der Saaleregion: David Buresch, Nico Metze und Patrick N. vom FN Kahla, die Neonazis Maximilian Lemke, Lina T. und Susann T. aus Kahla, der Saalfelder FN-Kader Steffen Richter und weitere Angehörige vom FN Jena, wie Maik S., Andreas H. und Andre Kapke.

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