Zelten, schießen, Hitlergruß – Thüringer Heimatschutz, NPD und „Hatebrothers Kahla“

Ab den Jahren 1994/1995 bündelten sich die Aktivitäten der Neonazi-Szene in und um Kahla zunehmend in einem organisatorischen Überbau. Das Thüringer Kameradschaftsnetzwerk „Anti-Antifa Ostthüringen“ war ein Sammelbecken rechter Gruppierungen im Freistaat, es dauerte nicht lange, da gab sich die Gruppierung einen vermeintlich seriöseren Namen „Thüringer Heimatschutz“ – THS, dem zeitweise bis zu 170 Mitglieder angehörten. Neben geplanten und spontanen gewalttätigen Übergriffen gehörten auch Schulungen, Kameradschaftsabende und Organisationen zum Veranstaltungsrepertoire des Netzwerkes.

Kahlaer Neonazis im Jahr 2012 mit THS-Transparent

Kahlaer Neonazis im Jahr 2012 mit THS-Transparent

Später ging aus ihm auch der „Nationalsozialistische Untergrund“ hervor. In mehreren Thüringer Städten hatte das Netzwerk Ableger, darunter einen in Kahla. Sowohl in der Kleinstadt selbst als auch in unmittelbarer Umgebung traten rechte Skinheads und organisierte Neonazis in Erscheinung. Eines ihrer Lieblingsdomizile war auch der Wald- & Wiesenbereich mit Gartenanlagen unter der Leuchtenburg, das spätestens seit dem Sommer 1996 frequentiert wurde. Das 2.180 Quadratmeter große Areal unterhalb der Leuchtenburg, wurde von dem rechten Multifunktionär und NPD-Aktivisten Peter Dehoust, einem der wichtigsten Publizisten der rechten Szene in Deutschland, 1996 für 1.500 Mark erworben. Wie Dehoust später einräumte, hatte er das Gelände dem Anführer des „Thüringer Heimatschutzes“, Tino Brandt, verpachtet, der vorgab, dort Sonnenwendfeiern und Zeltlager zu organisieren. Seit Mitte Oktober 1997 entwickelte sich das Areal zu einem beliebten Treff für Jugendliche mit Faible für Waffen & Nazipropaganda. Anwohner berichteten darüber, dass auf dem Grundstück auch Schießübungen durchgeführt wurden, eine Langwaffe mit Zielfernrohr kam dabei zum Einsatz. Noch heute zeugen Einschusslöcher auf dem Gelände von den damaligen Aktivitäten. Auf Fotos identifizierten Zeugen den langjährigen Kameradschaftsleiter Andre Kapke sowie Uwe Böhnhardt aus Jena, der Jahre später für die Ermordung mehrerer Menschen mitverantwortlich war.

   Ex-V-Mann Tino Brandt heute

Ex-V-Mann Tino Brandt heute

Bei den Treffen in Kahla waren zeitweilig mehrere dutzend Personen anwesend, auch gab es Veranstaltungen und Zeltlager mit Anhängern und führenden Köpfen des „Thüringer Heimatschutzes“. Bis mindestens 2000 soll das Gelände unter der Leuchtenburg für Aktionen der rechte Szene gedient haben. Auch die Polizei war mehrfach vor Ort, weil sie wegen Streitigkeiten zwischen den Neonazis und Anwohnern alarmiert worden war. Während der gesamten Nutzungsdauer stand der Pächter des Geländes, Tino Brandt, auf der Gehaltsliste des Thüringer Verfassungsschutzes und kassierte mehrere Zehntausend Mark als V-Mann. Ebenso in der Zeit um 1997/1998 gab es auch andere strukturelle Ausprägungen des Neonazismus im Bereich Kahla: Zum einen gründete sich im Juni 1997 der NPD-Kreisverband Saale-Holzland Kreis, an dessen Feier ca. 60 Anhänger der rechten Szene inkl. führender NPD-Funktionären teilnahmen. Zum Vorsitzenden des Kreisverbandes wurde der damals 19 Jährige Daniel B. aus Kahla gewählt. Zum anderen trat eine Gruppierung mit dem Namen „Hatebrothers“ in Erscheinung, die sich aus mehreren Neonazis aus Kahla und umliegenden Dörfern zusammensetzte. Anhänger dieser Gruppe waren nicht nur an gewalttätigen Übergriffen beteiligt, sondern traten auch im Milieu des internationalen „Blood & Honour“-Neonazi Netzwerkes auf, vor allem im rechten Musikbereich. Seit dem Jahr 1997 betrieben Mitglieder der Gruppe in Jena einen Szeneshop in der Innenstadt mit dem Namen „Madley“, über den vor allem T-Shirts, Devotionalien und CDs an die Szene aber auch darüber hinaus verkauft wurden.

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1998 reiste die Gruppe sogar nach Ungarn, um dort an einer „Blood & Honour“ Demonstration teilzunehmen. Mit im Gepäck: Ein Transparent mit der Aufschrift „Hatebrothers 88 Kahla“. Im gleichen Jahr folgte dann der Versuch in Jena einen zweiten Laden zu etablieren, diesmal offensiv unter dem Titel „Hatebrothers“ – analog zur gleichlautenden Neonazi-Gruppierung. Der Laden musste jedoch nach einem halben Jahr schließen, das „Madley“ hingegen konnte noch mehr als zehn Jahre weiter existieren. In den Jahren 1998 und 1999 kam es zu besonders vielen gewalttätigen Übergriffen auf Linke und Migrant_innen in Jena & Umgebung. 2001 verkündete die NPD Jena mit einer Presseerklärung, dass sie intensiv mit „arbeitswilligen Kameraden aus der Kleinstadt Kahla“ zusammenarbeite und beabsichtige, dort in der Stadt, die „fest in deutscher Hand war“, arbeitsfähige Strukturen zu reorganisieren. Zur gleichen Zeit registrierten Beoabachter die verstärkte Nutzung von einem Gelände eines zeitweise insolvententen Holzverabeitungsbetriebes. Mehrere Treffen wurden bekannt und auch ein Szenemagazin des Jenaer NPD-Aktivisten Ralf Wohlleben, die „Mitteldeutsche Zeitung für die nationale Jugend“, wurde in Kahla verteilt. Später erklärte ein Beamter des Thüringer Landeskriminalamtes, dass die Polizei Anhaltspunkt dafür hatte, dass in der Nähe von Kahla Schießübungen von Neonazis mit einer Panzerfaust durchgeführt worden seien , die vermeintlichen Schützen fand man jedoch nicht.

bild_npdDie NPD spielte in den folgenden Jahren im Raum Kahla keine besondere Rolle. Zwar kam es hin und wieder zu Verteilaktionen, ihren Schwerpunkt an Aktivitäten in der Region hatte die Partei jedoch in Jena. 2006 liefen rund 20 Angehörige des NPD-Jugendverbandes „JN“ auf dem Gelände des ehemaligen Flugzeugwerkes REIMAG am Walpersberg in Kahla auf. Danach gab es vereinzelt auch Infostände der Partei. 2009 wurde ein solcher vom damaligen NPD-Landesvorsitzenden Frank Schwerdt besucht, drei junge Neonazis aus Kahla salutierten im Anschluss mit einem Hitlergruß. Großartig Interessenten oder Aktivisten konnte die Partei innerhalb der Kahlaer Neonazi-Szene jedoch nicht rekrutieren. Obwohl die Partei über keine städtische Struktur verfügte, gelang es ihr dennoch in der Bevölkerung etliche Stimmen bei den letzten Wahlen für sich zu gewinnen. Bei der Bundestagswahl 2009 wählten 5,4% der Kahlaer den NPD-Direktkandidaten Peter Pichl, 2005 entfielen auf seinen Kollegen Gordon Richter sogar 7,0% in Kahla. Wäre es nach dem Wählerwillen Kahla’s gegangen, hätte die NPD auch bei der letzten Landtagswahl 2009 in das Thüringer Landesparlament einziehen können. Sowohl mit den Erststimmen (5,9% ) als auch mit den Zweitstimmen ( 5,5% ) hätte sie die Fünf-Prozent-Hürde geknackt. Die ehemaligen Angehörigen der „Hatebrothers“ bereicherten sich über die Jahre hinweg weiter mit ihrem Laden „Madley“ in Jena an der Neonazi-Szene und am unpolitischen Kundenklientel. Werbung für ihren Shop fand sich auch in Wohllebens Szenezeitung. Die „Reichsmark rollte“ bis ins Jahr 2009, als der Laden schließlich auf Grund mehrjähriger Proteste in Jena dicht machen musste und die Stadt verließ. Die Betreiber und ihr Umfeld lebten und arbeiten seitdem weiter im Saale-Holzland-Kreis. Nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 wurden sie für die deutschen Sicherheitsbehörden wieder interessant. Mindestens einer der Angeklagten im NSU-Prozess hatte in den Vernehmungen Wochen später ausgepackt und den Ermittlern einen entscheidenden Hinweis geliefert: die tödliche Schusswaffe, eine Ceska 83, mit der mindestens neun Migrant_innen ermordet wurden, soll im Auftrag von Ralf Wohlleben von jenen Neonazis aus dem Umfeld der „Hatebrothers Kahla“ bzw. dem „Madley“ an den mutmaßlichen NSU-Helfer Carsten S. ausgeliefert worden sein.

Im Januar 2012 führte die Bundesanwaltschaft deswegen mehrere Durchsuchungen durch, u.a. 10km südöstlich von Kahla. Betroffen u.a. Frank L. und Andreas Sch., die den Laden „Madley“ über Jahre betrieben haben. Einer der beiden soll den Waffendeal mittlerweile gegenüber der Polizei auch gestanden haben. Eine mögliche Vorladung im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München gilt als wahrscheinlich.

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