Thüringentag der nationalen Jugend 2013


Nachwuchsgewinnung durch rechte Erlebniskultur

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Der “Thüringentag” der Nazis hat eine längere Tradition und findet nunmehr zum 12. Mal statt, stets an wechselnden Orten. Einer der Initiatoren des Rechtsrock-Events sitzt derzeit in Untersuchungshaft und wird beschuldigt, eine Mitverantwortung am Tod von mindestens neun Menschen zu haben. Ralf Wohlleben aus Jena gehört zu den “Gründungsvätern” jenes Thüringentages, der nun seit über einem Jahrzehnt fest im Terminkalender von Neonazis aus Thüringen und anderswo verankert ist. Er übernahm vielfach organisatorische Aufgaben bei der Großveranstaltung, nicht selten auch als Veranstalter, Versammlungsleiter, Moderator und Redner. Angemeldet wurden 2013 300 Personen, ob es tatsächlich so viele werden bleibt abzuwarten. Bei den vergangen Veranstaltungen dieser Serie schwankte die Teilnehmerzahl zwischen 150 und 800 Personen. Das geplante Fest wurde durch eine Kleine Anfrage im Landtag im Herbst 2012 öffentlich und mehrere Wochen später benannte die Thüringer Landesregierung auf Nachfrage auch namentlich drei der Veranstalter. Neonazis aus Kahla wirkten bei vergangenen Neonazi-Festen in Thüringen mit, z.B. agierte der FN-Aktivist David Buresch als Ordner und der FN-Aktivist Nico Schneider im Bereich der Versorgung von Teilnehmern, der in Kahla ansässige Maximilian Lemke trat hingegen als Liedermacher mehrfach dort auf. Mit derartigen Konzertveranstaltungen versucht die Szene über braune Erlebniskultur nicht nur Nachwuchs zu rekrutieren und neonazistische Ideologie zu verfestigen, sondern auch Gelder zu erwirtschaften, deren weitere Wege in der Regel nicht mehr nachvollziehbar sind. Es gibt berechtigte Annahmen, dass die Gelder der in Kahla stattfindenden Veranstaltung möglicherweise dem mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben zu Gute kommen werden. In der Vergangenheit fanden die „Thüringentag“-Events der rechten Szene nicht selten unter der Schirmherrschaft der NPD statt. Vor einigen Jahren hat sich dies gedreht und häufiger übernehmen Anhänger von Freien Kameradschaften/Freien Netzen die Ausrichtung und Organisation.

Organisatoren: Angehörige der militanten Naziszene

v.l.n.r.: Steffen Richter (FN Saalfeld), Ringo Köhler (FN Saalfeld), David Buresch (FN Kahla)

v.l.n.r.: Steffen Richter (FN Saalfeld), Ringo Köhler (FN Saalfeld), David Buresch (FN Kahla)

Bei ihnen handelt es sich um die Saalfelder Neonazis Steffen Richter und Ringo Köhler sowie David Buresch aus Kahla, welche allesamt aus der militanten Kameradschaftszene stammen und in der Vergangenheit bereits alle durch Gewalttaten aufgefallen sind. Ringo Köhler kommt aus Piesau, im Landkreis Rudolstadt und ist ein ambitionierter Nachwuchskader beim „Freien Netz Saalfeld“. Er war in der Vergangenheit in die Organisation von Konzerten involviert und nahm auch an Aufmärschen der rechten Szene teil. Nach der Verhaftung des mutmaßlichen NSU-Helfers Ralf Wohlleben im November 2011 starte Köhler im Internet eine bundesweite Solidaritätskampagne für Wohlleben („Freiheit für Wolle“) und versuchte mit CD-Verkäufen Gelder für Wohlleben zu sammeln. Im gleichen Jahr prügelte er in Saalfeld auch auf einen linken Jugendlichen ein. Bereits zwei mal wurde er zuvor wegen Körperverletzungen verurteilt. Anlässlich des „9. Thüringentag der nationalen Jugend“ 2010 in Pößneck wurde Köhler vom Amtsgericht Pößneck verurteilt. Er hatte sich durch die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und dem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz strafbar gemacht. Eine Geldbuße in Höhe von 2.400 Euro wurde fällig. Köhler tritt zum Thüringentag in Kahla 2013 als Versammlungsleiter gegenüber den Behörden auf. Neben ihm agiert auch Steffen Richter aus Saalfeld als Organisator und Anmelder des Thüringentages. Richter ist seit über 10 Jahren in der Thüringer Naziszene aktiv und avancierte in den letzten Jahren zum Führungskader beim „Freien Netz Saalfeld“. Er finanziert sich u.a. mit rechten Internetshops und hatte zeitweise einen eigenen Szeneladen in Gotha. In den letzten Jahren veranstaltete er zahlreiche Konzerte für die Neonazi-Szene. Richter gehört zum engen Umfeld der Blood & Honour-nahen Rechtsrock-Band „SKD“ aus Gotha bzw. Crawinkel, die dem inhaftierten Ralf Wohlleben ein eigenes Solidaritätslied widmete und im Herbst 2012 mit mehreren Anscheinswaffen auf einem Gruppenfoto unter dem Slogan „NSU reloaded“ posierte. Bereits den „9. Thüringentag der nationalen Jugend“ 2010 in Pößneck hatte er mitorganisiert und auch formal angemeldet. Bei der Landtagswahl 2009 kandierte er für die NPD und erhielt 6,4% der Erststimmen. In der Vergangenheit war er an mehreren gewalttätigen Übergriffen beteiligt und ist maßgeblich für die Unterstützungsaktionen des inhaftierten Wohlleben verantwortlich. Richter organisierte seit dessen Festnahme mindestens ein Spendenkonzert für „Wolle“, war am Postschmuggel für den Häftling beteiligt und erhält von dem mutmaßlichen NSU-Helfer Anweisungen aus dem Gefängnis, wie z.B. sich um das Braune Haus in Jena zu kümmern. Über den Kahlaer David Buresch gibt es hier in der Rubrik „Personen“ weitere Infos.

Medienschaffende im Fadenkreuz der Rechten

Nach derzeitigem Stand der Neonazis in Kahla, soll sich das geplante Hassmusik-Festival in diesem Jahr gegen „Presselügen und Meinungsdiktatur“ richten, da Journalistinnen und Journalisten nach deren Auffassung nicht wahrheitsgemäß berichten würden. Als Beispiel wird u.a. das NSU-Verfahren genannt, bei dem sich die „Journalistenzunft […] vollends eine goldene Nase damit verdiene, die nationale Opposition zu diskreditieren“. Vorwürfe von rechts, die seit Jahrzehnten Tradition haben und nicht ungewöhnlich sind. Routinierter Maßen platzieren sich die eigentlichen rechten Täter gerne in die Opferrolle und fabulieren von der “Medienhetze”. Nicht selten geraten jedoch gerade Medienschaffende in den Fokus der organisierten Neonazi-Szene, werden bedroht, körperlich angegriffen, mit Steckbriefen diskreditiert oder ihre Ausrüstung beschädigt.

In Kahla verteilte Flugblätter mit Konterfei Wohllebens

In Kahla verteilte Flugblätter des „Freien Netzes“ mit Konterfei Wohllebens

Das Neonazis oft mit einer gleichgeschalteten Presse liebäugeln, so wie es einst ihre Vorbilder im dritten Reich taten, dürfte kein Geheimnis sein, war doch die Propagandamaschinerie mit einer der wichtigsten Pfeiler nationalsozialistischer Macht. Auch in Thüringen gab es in den letzten Jahren mehrfach Übergriffe auf Zeitungsredaktionen, die kritisch über Neonazis berichteten. Im Mai 2013 rief auch der NPD-Landesverband seine Funktionäre offiziell dazu auf, die informelle Arbeit mit einer Thüringer Tageszeitung einzustellen, da die Berichterstattung zu kritisch sei. Öfter kommt es am Rande von Demonstrationen oder Gerichtsprozessen zu Übergriffen auf Journalist_innen, wie jüngst auch eine Dokumentation des bayrischen Rundfunks illustrierte (Journalisten im Visier von Neonazis, 12.3.13). Das bisherigen Programm für den Veranstaltungstag am 15. Juni in Kahla offenbart den Charakter des vergleichsweise harmlos klingenden Events. Das für Kahla geplante Fest war zunächst für den 8. Juni geplant, wurde dann aber auf den 15. Juni verschoben, weil befreundete “Kameraden” der Gruppe “FN Kahla” in Sachsen zum 8. Juni ein ähnliches Fest mit gleichem Charakter ausrichten wollten und man sich nicht in die Quere kommen mochte.

Programm der Nazis zum 15.5. in Kahla: Zwischen Rechtsrock und Rechtsterrorismus

Weiteres Kahlaer FN-Mitglied beim Neonazi-Festival "Rock für Deutschland" in Gera 2012 - posiert mit T-Shirt für die Freilassung eines mutmaßlichen NSU-Helfers

Weiterer Neonazi aus dem Kahlaer FN-Umfeld beim Neonazi-Festival „Rock für Deutschland“ in Gera 2012 – posiert mit T-Shirt für die Freilassung des mutmaßlichen NSU-Helfers „Wolle“

Auf dem Spielplan stehen u.a. der bundesweit bekannte Naziliedermacher Frank Rennicke, die Thüringer Neonazi-Band „Hermunduren“ und die Dresdner Band „Priorität 18“ um den Neonazi Maik Müller, die ihren Zahlencode „18“ an die Initialen von Adolf Hitler anlehnt. Zuvor waren auch eine Szeneband aus dem Allgäu und die Band “Kraftschlag” anvisiert, die auch Wurzeln im “Blood & Honour” Netzwerk hat. Als Redner sollen der Geraer NPD-Funktionär Gordon Richter sowie mehrere „Freien Nationalisten“ aus Weimar, Meiningen, Hildesheim und Dresden auftreten, von denen mehrere in der militanten Naziszene beheimatet sind. Einer von ihnen, Dieter Riefling, war Funktionär in der inzwischen verbotenen FAP und ist bereits mehrfach wegen Volksverhetzung und der Verwendung von Naziparolen verurteilt wurden. Geplant sind auch der Auftritt eines Südthüringer Anhängers der “Autonomen Nationalisten” sowie ein Beitrag vom Anmelder des alljährlichen Naziaufmarsches am 13. Februar in Dresden. Weiterhin unter den Rednern: Patrick Schröder aus der Oberpfalz, der das bundesweit erste neonazistische TV-Projekt „FSN“ im Internet betreibt, Chef eines NPD-Kreisverbandes ist und dem Anschein nach zwischenzeitlich an die Geschäftsspitze einer Neonazi-Modefirma aus Oberhof gerückt ist. Die rechte Modemarke „Ansgar Aryan“ und der angeschlossene Versand wurden bis mindestens Oktober 2012 noch durch einen ortsansässigen Neonazi geleitet. Nach dem sich dieser jedoch als ehemaliger Drogendealer entpuppte, gab es Furore in der Szene und teilweise Boykottaufrufe. Im aktuellen Katalog vom Frühjahr 2013 wird Schröder nun als neuer Betreiber genannt. „Ansgar Aryan“ hat sich ebenso für Kahla mit einem Stand angekündigt wie auch der Germaniaversand aus Sondershausen und eine „Stickerei Artam“, die unter der gleichen Internetadresse Neonazi-Schmuck und Textilien vertreibt, wie einst der Jenaer Kameradschaftsführer Andre Kapke. Weiterhin sind Stände von der NPD, einem Neonazi-Schulungsprojekt aus Ronneburg sowie von einer rechten Gruppierung aus Hildburghausen geplant, außerdem weitere zur Mobilisierung für andere Szeneveranstaltungen in der Bundesrepublik. Drei Wochen vor Beginn des Thüringentages verkündeten die Veranstalter noch einen neuen “Headliner”: Martin Wiese soll als “freier Aktivist” auf dem Fest am Griesplatz auftreten. Der ca. 37 Jährige Neonazi wurde zuletzt zu einer siebenjährigen Haftstrafe wegen mehrerer Waffen- und Sprengstoffdelikte sowie der Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Wiese wurde bekannt durch das 2003 geplante Sprengstoffattentat mit seiner rechtsterroristischen Vereinigung „Schutzgruppe“ auf das Jüdische Zentrum München. Auch Angehörige des braunen Gefängnishelfernetzwerkes werden in Kahla vor Ort sein. Die neonazistische “Gefangenenhilfe” plant auf dem Gries einen eigenen Infostand aufzubauen. Das Netzwerk unterstützt ebenso den inhaftierten Wohlleben, sammelt Gelder und vertreibt Solidaritätsartikel.

Geldsammlung für NSU-Helfer in Kahla?

Das ZDF berichtete am 14.5.2013 über den Postschmuggel. "David" ist Neonazi aus Thüringen und mit Versammlungsleiter für den Thüringentag. "Max" ein rechter Liedermacher aus Kahla.

Das ZDF berichtete am 14.5.2013 über den Postschmuggel. Bei „David“ handelt es sich um den Neonazi David Buresch aus Kahla und stellv.Versammlungsleiter für den Thüringentag am 15. Juni. „Max“ ist ein rechter Liedermacher aus Kahla und Betreiber des Braunen Haus in Jena.

Sowohl der Anmelder als auch sein Stellvertreter organisieren massiv Unterstützungsaktionen für den inhaftierten mutmaßlichen NSU-Helfer Wohlleben. Neben Spendensammlungen wurden ebenso Solidaritätskonzerte veranstaltet. Es gab es in Kahla u.a. Transparent- und Flugblattaktionen sowie Schmierereien die sich auf Wohlleben bezogen und zur Solidarität mit ihm aufriefen. Auch wurde in der Sendung Frontal 21 vom 14. Mai 2013 unter dem Titel „Nazi-Netzwerke – Stille Post aus dem Knast“ über den Postschmuggel mit Wohlleben berichtet. Dabei spielte auch David Buresch eine Rolle, von dessen Brief an Wohlleben im ZDF Auszüge eingeblendet wurden. Geheime Botschaften des Thüringentag-Hauptanmelders Steffen Richter an Wohlleben waren der Grund, wieso der Häftling von Thüringen nach München verlegt werden musste, einige Medien berichteten gar von einer Fluchtplanung, die jedoch bislang unbestätigt ist. Szeneangehörige berichteten, dass bereits seit Ende 2011 auch durch Kahlaer Neonazis intern Spendengelder gesammelt wurden.

Solidaritätstransparent für Wohlleben Ende 2012 in Kahla

Solidaritätstransparent für Wohlleben Ende 2012 in Kahla

Nach Schätzungen belaufen sich die als “Spenden” getarnten Eintrittsgelder für größere Neonazi-Festivals in Thüringen auf eine sechsstellige Summe. Das Thüringer Innenministerium beziffert derartige “Spenden”-Einnahmen der rechten Szene alleine bei zwei “Thüringentag”-Veranstaltungen in Sondershausen auf 14.700 Euro – weitere Einnahmen aus dem Verkauf von CDs, T-Shirts und Speisen nicht mitgezählt. Die Tatsache, dass alle drei versammlungsrechtlich bekanntgewordenen Veranstalter für den Thüringentag in Kahla 2013 seit über einem Jahr intensiv den mutmaßlichen NSU-Helfer Wohlleben unterstützen und mit ähnlichen Veranstaltungen versuchten, Gelder für ihren eingesperrten Kameraden zu akquirieren, lässt darauf schließen, dass mit den Einnahmen von dem Rechtsrock-Fest in Kahla möglicherweise ein weiteres mal ein inhaftierter mutmaßlicher Rechtsterrorist in großem Rahmen finanziell unterstützt werden soll, dem eine Mitverantwortung am Mord von neun Menschen zur Last gelegt wird.

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